Ich habe Angst zuzunehmen – was steckt wirklich dahinter?

Wenn die Angst vor dem Zunehmen grösser wird als die Angst vor der Essstörung

Während meiner eigenen Magersucht hatte ich grosse Angst zuzunehmen. Damals war ich überzeugt, dass es genau darum geht – um das Gewicht.

Heute weiss ich, dass das nur ein kleiner Teil der Wahrheit war.

Die Zahl auf der Waage war für mich nicht einfach eine Zahl. Sie war verbunden mit Kontrolle, Sicherheit und der Angst, etwas zu verlieren, das mir damals Halt gegeben hat.

Erst viele Jahre später verstand ich, dass meine Angst nicht gegen das Gewicht gerichtet war, sondern gegen das, was ich unbewusst mit dem Zunehmen verbunden hatte.

Deshalb weiss ich heute auch: Die Angst vor dem Zunehmen ist selten nur die Angst vor dem Gewicht.

"Was, wenn ich zunehme?"

"Dann verliere ich die Kontrolle."

"Dann erkenne ich mich nicht mehr."

"Dann werde ich nicht mehr akzeptiert."

"Dann bin ich nicht mehr liebenswert."

"Dann bin ich nicht mehr schön."

Vielleicht kennst du diese Gedanken.

Vielleicht löst schon die Vorstellung, ein paar Kilo zuzunehmen, Angst, Panik oder innere Unruhe aus.

Ich kenne dieses Gefühl selbst.

Während meiner eigenen Magersucht war die Angst vor dem Zunehmen nicht einfach die Angst vor einer Zahl auf der Waage. Heute weiss ich, dass dahinter viel mehr steckte.

Damals dachte ich, ich hätte Angst vor dem Gewicht.

Heute weiss ich:

Ich hatte Angst vor dem, was das Zunehmen für mich bedeutet hätte.

Es geht oft nicht um das Gewicht

Von aussen wirkt diese Angst häufig unverständlich.

Viele Betroffene hören Sätze wie:

"Du musst doch einfach wieder essen."

"Ein paar Kilo mehr sind doch nicht schlimm."

Doch wenn du selbst betroffen bist, fühlt es sich ganz anders an.

Die Angst richtet sich häufig gar nicht gegen das Gewicht selbst.

Sondern gegen das, was das Zunehmen symbolisiert.

Vielleicht bedeutet Zunehmen für dich:

  • Kontrolle zu verlieren.

  • Gefühle wieder spüren zu müssen.

  • Sichtbarer zu werden.

  • Erwartungen anderer erfüllen zu müssen.

  • Den vertrauten Schutz loszulassen.

  • Nicht mehr zu wissen, wer du ohne die Essstörung bist.

Das Gewicht wird dadurch zum Symbol.

Nicht zur eigentlichen Ursache.

Das Nervensystem sucht Sicherheit

Unser Nervensystem verfolgt ein einziges Ziel:

Sicherheit.

Wenn wir über längere Zeit Stress, Überforderung oder belastende Erfahrungen erleben, entwickelt unser Körper Strategien, um mit dieser inneren Anspannung umzugehen.

Für manche Menschen wird Kontrolle zu einer solchen Strategie.

Kontrolle über das Essen.

Kontrolle über den Körper.

Kontrolle über das Gewicht.

Nicht weil sie eitel sind.

Sondern weil Kontrolle kurzfristig Sicherheit vermittelt.

Warum Veränderung so viel Angst machen kann

Viele Menschen glauben:

"Wenn ich gesund werden möchte, müsste ich mich doch über das Zunehmen freuen."

Doch häufig passiert genau das Gegenteil.

Je näher Veränderung kommt, desto grösser wird die Angst.

Warum?

Weil plötzlich eine Strategie wegfällt, die vielleicht jahrelang geholfen hat, mit innerem Stress umzugehen.

Die Essstörung war nie dein Feind.

Sie war oft der Versuch deines Nervensystems, dich irgendwie durch schwierige Zeiten zu bringen.

Deshalb fühlt sich Loslassen häufig nicht befreiend an.

Sondern bedrohlich.

Es geht nicht nur um Essen

Viele Menschen glauben:

"Wenn ich wieder normal esse, verschwindet die Angst."

Doch häufig bleibt die Angst zunächst bestehen.

Warum?

Weil Essen oft gar nicht das eigentliche Problem ist.

Es war die Lösung.

Oder zumindest der Versuch einer Lösung.

Eine Essstörung kann helfen,

  • Gefühle zu regulieren,

  • Kontrolle zu erleben,

  • innere Leere zu füllen,

  • Überforderung zu bewältigen,

  • Sicherheit zu schaffen.

Deshalb reicht es häufig nicht aus, nur das Essverhalten verändern zu wollen.

Angst ist keine Schwäche

Wenn du Angst vor dem Zunehmen hast, bedeutet das nicht, dass du oberflächlich bist.

Oder egoistisch.

Oder zu wenig willst.

Angst ist zunächst eine Schutzreaktion deines Nervensystems.

Sie versucht nicht, dich zu sabotieren.

Sie versucht, dich zu schützen.

Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht:

„Wie werde ich diese Angst endlich los?"

Sondern:

„Wovor versucht mich diese Angst eigentlich zu schützen?"

Allein diese Frage verändert häufig den Blick auf die Essstörung.

Was kann helfen?

Der erste Schritt besteht oft nicht darin, gegen die Angst anzukämpfen.

Sondern sie verstehen zu lernen.

Vielleicht fragst du dich einmal:

  • Was würde Zunehmen für mich bedeuten?

  • Welche Gedanken tauchen dabei auf?

  • Was verliere ich vermeintlich?

  • Was gibt mir heute Sicherheit?

  • Was braucht mein Nervensystem wirklich?

Diese Fragen öffnen häufig einen völlig neuen Blick.

Nicht gegen dich.

Sondern für dich.

Wachstum beginnt nicht mit Druck

Viele Menschen versuchen, ihre Angst mit Vernunft zu überwinden.

Doch Angst lässt sich selten wegdiskutieren.

Sie braucht zunächst Sicherheit.

Ein Nervensystem, das sich verstanden fühlt.

Und einen Raum, in dem Veränderung Schritt für Schritt entstehen darf.

Denn häufig verschwindet die Angst nicht zuerst.

Sie wird kleiner, wenn Sicherheit wächst.

Du bist mehr als deine Angst

Wenn du Angst vor dem Zunehmen hast, bedeutet das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.

Vielleicht versucht dein Körper gerade, dich zu schützen.

Vielleicht hat diese Angst einmal eine wichtige Funktion übernommen.

Und vielleicht geht es deshalb gar nicht nur um das Gewicht.

Sondern um Sicherheit.

Um Kontrolle.

Um Vertrauen.

Und um die Sehnsucht, dich eines Tages wieder frei fühlen zu dürfen.

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