Neue Studien bestätigen: Essstörungen sind oft mehr als ein Problem mit Essen

„Essstörungen haben oft nicht nur mit Essen zu tun.“

Diesen Satz sage ich seit vielen Jahren.

Nicht als Wissenschaftlerin. Nicht als Therapeutin.

Sondern als ehemalige Betroffene, die selbst über 20 Jahre mit einer Magersucht gelebt hat.

Und als Peer-Expertin, die seit vielen Jahren Menschen mit Essstörungen, Traumafolgen, Depressionen, Angstzuständen, Hochsensibilität und anderen psychischen Herausforderungen begleitet.

In den letzten Tagen habe ich einen Newsletter von Jan Gysi (Updates Psychotraumatologie) gelesen, der mehrere aktuelle Studien zu Essstörungen, Trauma, Bindung und Dissoziation zusammenfasst.

Mich haben diese Erkenntnisse berührt.

Nicht, weil sie etwas völlig Neues erzählen.

Sondern weil sie wissenschaftlich beschreiben, was viele Betroffene seit Jahren erleben und was ich in meiner Arbeit immer wieder beobachte.

Eine aktuelle Studie von Brewerton und Kolleg:innen (2026) mit über 2'300 Menschen in stationärer Behandlung wegen Essstörungen zeigt, dass rund 27 % die Kriterien einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) erfüllen und weitere 27 % die Kriterien einer PTBS. Menschen mit kPTBS zeigten nicht nur stärkere Essstörungssymptome, sondern auch deutlich mehr Schwierigkeiten in den Bereichen Emotionsregulation, Selbstbild, Beziehungen, Angst, Depression und Lebensqualität. Die Autor:innen kommen zum Schluss, dass Traumafolgestörungen und Essstörungen gemeinsam gedacht und behandelt werden sollten.

Eine weitere Studie von Eibl & Turliuc (2025) zeigte, dass insbesondere dissoziative Symptome eine zentrale Rolle spielen. Dissoziation scheint bei vielen Betroffenen das Bindeglied zwischen traumatischen Erfahrungen und dem Essstörungsverhalten zu sein. Das bedeutet: Das Essverhalten dient häufig nicht nur der Kontrolle von Gewicht oder Essen, sondern kann auch eine Strategie sein, um mit überwältigenden inneren Zuständen umzugehen.

Bereits frühere Untersuchungen zeigten Zusammenhänge zwischen Essstörungen und Verlusten in der Kindheit, Bindungsverletzungen, Angst vor Ablehnung, Perfektionismus und Schwierigkeiten im Umgang mit Emotionen.

Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, erkenne ich vieles davon wieder.

Rückblickend ging es bei meiner Magersucht nie nur um Essen.

Es ging um Sicherheit.

Um Kontrolle in einer Welt, die sich oft nicht sicher angefühlt hat.

Um Gefühle, die ich nicht wahrnehmen oder ausdrücken konnte.

Um Bedürfnisse, die keinen Platz hatten.

Um Scham.

Um Anpassung.

Um das Funktionieren.

Um das Gefühl, irgendwie den Kontakt zu mir selbst verloren zu haben.

Und genau deshalb entwickelte sich auch meine Arbeit in diese Richtung.

Schon vor vielen Jahren begann ich, mich intensiv mit Nervensystemregulation, Bindung, Trauma, Scham, Selbstwahrnehmung und Beziehungserfahrungen auseinanderzusetzen.

Nicht, weil es damals ein Trend war.

Sondern weil ich bei mir selbst und bei vielen Menschen, die ich begleiten durfte, immer wieder spürte:

Wenn wir ausschliesslich auf das Essen schauen, übersehen wir oft die eigentliche Geschichte.

Die Geschichte hinter dem Symptom.

Die Geschichte hinter dem Verhalten.

Die Geschichte hinter den Schutzstrategien.

In meiner Arbeit begegne ich Menschen, die nicht nur mit Essen kämpfen.

Sondern mit chronischer Überforderung.

Mit Perfektionismus.

Mit Bindungsverletzungen.

Mit Angst vor Ablehnung oder Verlassenwerden.

Mit Scham.

Mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Mit Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Mit dissoziativen Schutzmechanismen.

Mit einem Nervensystem, das über Jahre gelernt hat, auf Gefahr statt auf Sicherheit ausgerichtet zu sein.

Und zunehmend auch mit Neurodivergenz wie ADHS oder Autismus, die oft erst im Erwachsenenalter erkannt werden.

Deshalb arbeite ich heute traumasensibel, bindungsorientiert und mit Blick auf das Nervensystem.

Nicht weil ich glaube, dass jede Essstörung durch Trauma entsteht.

Nicht weil ich andere Ansätze abwerte.

Sondern weil ich davon überzeugt bin, dass wir den Menschen hinter dem Symptom sehen müssen.

Die aktuelle Forschung macht mir Hoffnung.

Sie lädt uns ein, Essstörungen nicht nur als Problem des Essens zu betrachten, sondern als Ausdruck einer viel komplexeren Geschichte.

Einer Geschichte von Anpassung.

Von Überleben.

Von Beziehung.

Von Schutz.

Und letztlich von dem tiefen menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit, Verbindung und Zugehörigkeit.

Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Schlüssel für Heilung.

Nicht nur zu fragen:

„Was isst dieser Mensch?“

Sondern auch:

„Was hat dieser Mensch erlebt?“

„Welche Schutzstrategien waren einmal notwendig?“

„Und was braucht es heute, damit wieder mehr Sicherheit, Verbindung und Lebendigkeit entstehen können?“

💛 Gemeinsam statt einsam.

Tamara Weber Peer-Expertin für Essstörungen, Trauma, Bindung und Nervensystem

www.ichverstehedich.ch

Studien & Quellen

📖 Brewerton, T. D., Suro, G., Gavidia, I., & Perlman, M. M. (2026) Complex PTSD as defined by the PTSD Checklist for DSM-5 (PCL-5) in patients with eating disorders https://doi.org/10.1080/10640266.2026.2647725

📖 Eibl, M., & Turliuc, M. N. (2025) Complex posttraumatic stress disorder symptoms and anorexia nervosa manifestations: Dissociative symptoms and emotion dysregulation as explanatory mechanisms https://doi.org/10.1080/10640266.2025.2558015

📖 Watterson, R. L., Crowe, M., Jordan, J., Lovell, S., & Carter, J. D. (2023) A Tale of Childhood Loss, Conditional Acceptance and a Fear of Abandonment: A Qualitative Study Taking a Narrative Approach to Eating Disorders https://doi.org/10.1177/10497323231152142

📖 ten Napel-Schutz, M. C., Vroling, M., Mares, S. H., & Arntz, A. (2022) Treating PTSD with Imagery Rescripting in underweight eating disorder patients: a multiple baseline case series study https://doi.org/10.1186/s40337-022-00558-1

📖 Brewerton, T. D., Gavidia, I., Suro, G., & Perlman, M. M. (2022) Eating disorder onset during childhood is associated with higher trauma dose, provisional PTSD, and severity of illness in residential treatment https://doi.org/10.1002/erv.2892

📖 Zelkowitz, R. L., Zerubavel, N., Zucker, N. L., & Copeland, W. E. (2021) Longitudinal associations of trauma exposure with disordered eating https://doi.org/10.1080/10640266.2021.1921326

Die Zusammenfassung dieser Studien wurde von Jan Gysi im Newsletter «Updates Psychotraumatologie» aufgegriffen und eingeordnet. Dafür bin ich sehr dankbar, weil er aktuelle Forschung verständlich in die Praxis übersetzt.

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