Warum die Qualität unserer Beziehungen unsere Gesundheit beeinflusst

Beziehung ist nicht nur etwas Emotionales. Beziehung ist Biologie.

Vor Kurzem bin ich auf eine wissenschaftliche Meta-Analyse gestossen, die mich erneut daran erinnert hat, wie eng unsere Beziehungen mit unserer Gesundheit verbunden sind.

Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass die Qualität einer Partnerschaft einen ähnlich grossen Einfluss auf die Gesundheit haben kann wie eine gesunde Ernährung.

Das mag zunächst überraschen.

Schliesslich sprechen wir ständig darüber, wie wichtig Bewegung, Schlaf oder Ernährung für unsere Gesundheit sind. Viel seltener sprechen wir darüber, welchen Einfluss unsere Beziehungen auf unseren Körper und unser Nervensystem haben.

Warum Beziehungen biologisch wirken

Unser Nervensystem entwickelt sich von Geburt an in Beziehung. Es lernt durch andere Menschen, ob die Welt sicher oder unsicher ist.

Deshalb reagieren wir nicht nur auf Worte. Unser Körper nimmt ständig Signale wahr – einen Blick, eine Stimme, einen Gesichtsausdruck, eine Berührung oder die Art, wie jemand mit uns spricht.

Beziehungen können unserem Nervensystem vermitteln:

„Du bist sicher.“

Oder sie können unbewusst das Gegenteil auslösen:

„Du musst dich schützen.“

Deshalb ist Beziehung weit mehr als etwas Emotionales. Sie beeinflusst unsere Biologie.

Unser Nervensystem sucht Sicherheit

Für unser Nervensystem ist Beziehung keine Nebensache.

Es stellt ständig Fragen wie:

  • Bin ich sicher?

  • Werde ich gesehen?

  • Kann ich mich zeigen, wie ich bin?

  • Darf ich Fehler machen?

  • Werde ich ernst genommen?

Wenn wir uns in einer Beziehung dauerhaft kritisiert, kontrolliert, abgewertet oder emotional allein fühlen, bleibt unser Nervensystem häufig in Alarmbereitschaft.

Stresshormone werden ausgeschüttet.

Der Körper bleibt angespannt.

Schlaf, Verdauung, Konzentration und Regeneration können darunter leiden.

Nicht, weil wir «zu sensibel» sind.

Sondern weil unser Nervensystem versucht, uns zu schützen.

Beziehung bedeutet nicht Perfektion

Eine gesunde Beziehung bedeutet nicht, dass es nie Konflikte gibt.

Sie bedeutet auch nicht, dass immer Harmonie herrscht.

Vielmehr bedeutet sie, dass Konflikte die Verbindung nicht zerstören.

Dass Reparatur möglich ist.

Dass beide Verantwortung übernehmen.

Dass wir uns trotz Meinungsverschiedenheiten sicher fühlen dürfen.

Genau diese Erfahrungen helfen unserem Nervensystem immer wieder in einen regulierten Zustand zurückzufinden.

Beziehung ist mehr als Partnerschaft

Die erwähnte Studie untersuchte die Qualität von Partnerschaften.

Aus Sicht des Nervensystems endet Beziehung jedoch nicht dort.

Auch Beziehungen zu Eltern, Kindern, Freundinnen und Freunden, Arbeitskolleginnen und -kollegen oder therapeutischen Begleitpersonen können regulierend oder belastend wirken.

Überall dort, wo wir Sicherheit, Verbindung und echtes Gesehenwerden erleben, erhält unser Nervensystem die Möglichkeit, sich zu entspannen.

Was bedeutet das bei Essstörungen?

In meiner Arbeit mit Menschen, die an einer Essstörung leiden, erlebe ich immer wieder, wie gross die Bedeutung von Beziehung ist.

Viele Betroffene verfügen über enormes Wissen. Sie kennen Ernährungspläne, Therapiekonzepte und Strategien.

Und trotzdem fällt Veränderung schwer.

Nicht, weil Wissen fehlt.

Sondern weil Veränderung ein Nervensystem braucht, das sich sicher genug fühlt.

Gerade Menschen mit Essstörungen haben häufig Erfahrungen gemacht, in denen Beziehung mit Unsicherheit, Anpassung, Kritik oder dem Gefühl verbunden war, nicht zu genügen.

Umso bedeutsamer werden neue Beziehungserfahrungen.

Erfahrungen, in denen sie sich verstanden fühlen.

Nicht bewertet werden.

Nicht funktionieren müssen.

Sondern einfach sein dürfen.

Denn genau dort entsteht häufig das, was Veränderung überhaupt erst möglich macht:

Sicherheit.

Vielleicht beginnt Gesundheit an einem anderen Ort

Vielleicht dürfen wir Gesundheit künftig etwas umfassender betrachten.

Nicht nur mit der Frage:

„Was esse ich?“

Sondern auch mit den Fragen:

  • Mit welchen Menschen verbringe ich mein Leben?

  • In welchen Beziehungen kann mein Nervensystem aufatmen?

  • Wo fühle ich mich sicher genug, ganz ich selbst zu sein?

Vielleicht beginnt Gesundheit manchmal nicht mit einem neuen Ernährungsplan.

Nicht mit mehr Disziplin.

Nicht mit noch mehr Selbstoptimierung.

Sondern mit einer Beziehung, in der wir uns sicher, gesehen und angenommen fühlen.

Denn manchmal ist genau das die Grundlage, auf der Veränderung überhaupt erst wachsen kann.

🤍 Vielleicht ist Gesundheit nicht nur eine Frage dessen, was wir essen oder wie viel wir uns bewegen. Vielleicht ist sie auch eine Frage dessen, bei welchen Menschen unser Nervensystem endlich aufatmen darf.

Quelle

Robles, T. F., Slatcher, R. B., Trombello, J. M. & McGinn, M. M. (2014). Marital quality and health: A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 140(1), 140–187.

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